“SAVE TOGO!” vs. “Brot und Spiele” bei der ARD

Posted on Juni 6, 2012

Auf den Strassen meiner Stadt Leipzig, sammeln sich die Menschen vor den Flatscreens und bejubeln die EM, mit Fähnchen und bunten Markierungen im Gesicht. Vor ein paar Tagen stand ich noch im Seifenblasenregen eines sehr gelungenen Flashmob, mit über 1000enden glücklichen Gesichtern. In der Timeline wirbt Maite Kelly für die Show “Brot und Spiele” und ich mag Maite Kelly, war sie früher maßgeblich beteiligt an der Prägung meiner Werte. Soziales Miteinander, aber wie ging das noch mal?!

Die ganze Zeit gehen mir die Nachrichten eines Facebookfreundes nicht aus dem Kopf. Alle Nachrichten tragen die Überschrift „Save Togo!“. Eine Gruppe von fast 1000 Menschen sammelt Info´s Berichte und bittet die Öffentlichkeit um Mithilfe, daraus erklärt sich dieser Beitrag und das anschließende Interview.


Die Togolesische Republik liegt in Westafrika zwischen Ghana, Benin und Burkina Faso und steht auf Rang 162 des Human Development Index (von 187 Staaten).

Deutschlands Beziehungen zu Togo sind geprägt von der Kolonialzeit (1884-1914) und unsere Bundesregierung unterstützt seit 2012 den „Demokratisierungs-, Versöhnungs- und Reformprozess“ in Togo.

Durch die Unterschrift des Abkommens zur Gründung des Westafrikanischen Kompetenzzentrums Klimawandel und angepasste Landnutzung (WASCAL), im Februar diesen Jahres, zwischen 10 westafrikanischen Staaten und Deutschland fließen 50 Mio Euro Fördergelder für Bildung in Forschung die nächsten 3 Jahre.

Von ca 6,5 mio Einwohnern sprechen ungefähr noch 100.000 Togolesen deutsch, es gibt über 350 Deutschlehrer im Land .

Bis 2005 war 38 Jahre lang der autokratisch regierenden PräsidentGnassingbé Eyadéma an der Macht. Nach seinem Ableben ernannte das Militär seinen Sohn Faure Gnassingbé als Nachfolger. Zuletzt 2010 wiedergewählt wobei ihm die Opposition und die Europäische Union massiven Wahlbetrug vorwarfen.

Kürzlich brachte die Regierung Gesetzesentwürfe hervor die, die Wiederwahl noch mehr vereinfachten und seitdem stehen in der Haupstadt Lomé, auch als Drehkreuz für den internationalen Handel mit Kindersklaven bekannt, die Menschen auf der Strasse unter den Aufschrift „Save Togo“ oder „Occupy Lomé“.

Genaue Zahlen über Verletzte und Todesopfer sowie unter Arrest gestellte gibt es nicht es hat allein 4 Tage gedauert bis man seitens offizieller Pressestellen den Tod eines 6 Monate alten Kindes zu gab. Die Bilder und Videos der Augenzeugen sprechen Bände.

Oppositionsführer Jean-Pierre Fabre ruft zur friedlichen Demonstration auf und hofft das dem „teuflischen Treiben“ Gnassingbé´s Einhalt geboten wird.

Doch jeglicher Versuch mittels internationalen Pressedruck die Situation zu entschärfen misslang bis jetzt. Reuters interessiert es nicht heißt es. Und auch ich stelle in der frühen Nacht bei einem Gespräch fest … wie unheimlich weit entfernt ein Land wie Togo für die meisten hier zu sein scheint.

Ich denke wenn sich meine Regierung Zeit und Geld nimmt den Versöhnungs- und Reforms- ja wir reden hier vom Demokratisierungsversuch zu unterstützen. dann kann man ja schon mal nach fragen WAS ist denn bitte da los?

Lomé Togo aktuelles Bild friedlicher Demonstranten

Lomé Togo aktuelles Bild friedlicher Demonstranten

Paul kurz zum Verständnis für die Leser woher kommt deine „Nähe“ zu Togo?

Meine Verbindungen zu Togo sind mehrschichtig. Zum einen stammt meine Frau und somit ein Großteil meiner Familie von dort. Aber mich verbinden auch ein paar sehr enge Freundschaften mit Leuten von dort, welche aber schon vor zehn Jahren nach Deutschland geflüchtet sind und sich hier fest integriert haben.“

Woher kommt genau der Frust der Bevölkerung gegenüber Gnassangbé?

Der Frust der Bevölkerung erwächst ganz einfach aus ihrer nunmehr über fünfzig Jahre anhaltenden Not heraus. Das Volk lebt von der Hand in den Mund, muss alle medizinische Versorgung selbst aufbringen und erstickt im Müll. Steuergelder landen in den Privatkonten der Gnassingbé-Familie, welche sich nicht nur die Staatsgewalt sondern auch sämtlichen Devisenhandel, den einzigen Überseehafen, das gesamte Telekommunikationsnetz und etliche andere Wirtschaftszweige mit Schlüsselfunktionen bei der Versorgung durch Wasser, Energie usw. einverleibt haben und staatlich garantiert konkurrenzlos Wucherei am Volk verüben.

2005 gab es kurzzeitig Hoffnung, es würde sich etwas ändern?

Nach dem Tode des alten Diktators Eyadem Gnassingbé übernahm dessen Sohn mit einem Militärputsch das Familienbusiness und die Macht. Auf internationalem Druck hin veranlasste Faure Gnassingbé Neuwahlen, welche er mit allen schmutzigen Mitteln zu seinen Gunsten manipulierte. So verstarben oder verschwanden plötzlich die wichtigsten Gegenkandidaten, Wahlzettel wurden vernichtet oder durch eigene ausgetauscht, Einschüchterung auf jede erdenkliche Art bis direkt vor der Wahlurne … Die Liste der beobachteten Verstöße ist zu lang. Seitdem sitzt jedenfalls die Familie unter dem neuen Oberhaupt weiterhin fest im Sattel der Macht von Europas Gnaden und presst alles aus dem Land heraus ohne Rücksicht auf die Menschen. Jedes Aufbegehren wird seitdem blutig niedergeschlagen und kostete bereits in den vergangenen Jahren viele hunderte Menschenleben.

Was genau war der Anlass für die neusten Unruhen?

Anlässlich neuester “Reformen” im Wahlgesetz, die Dinge ermöglichen, die selbst Putin und Berlusconi sich in ihren feuchtesten Träumen hätten nicht vorstellen können, flammten vergangene Woche die Proteste wieder auf und es kam zu Sitzstreiks und den anschließenden Übergriffen durch Gnassingbé´s Truppen. Vermutlich ließ besonders erahnen, was nach dem neuen Gesetz dem Präsidenten die Möglichkeit gab, unendlich oft wiedergewählt zu werden, für die Zukunft des Landes zugedacht war.

Was bedeutet das für ein armes Land wie Togo?

Es sterben Menschen, weil niemand die zwei Euro bezahlen kann die sie bräuchten. Ein durchschnittlicher Monatslohn liegt zwischen 50 und 200 (hohe Funktionäre) Euro und ernährt in der Regel vier bis sechs Köpfe. Schulklassen beinhalten bis zu Einhundert Kindern. Das Durchschnittsalter Togos liegt bei 20 Jahren, die Zahl der Analphabeten umfasst den Großteil der gesamten Bevölkerung und Lehrer müssen auch privat bezahlt werden. Im Gegensatz dazu lebt die Familie Gnassingbe in Luxus und Prunk und steckt alles ein, was sie der Bevölkerung abpressen kann oder bei Geschäften mit französischen oder chinesischen Unternehmen einfährt.

Wohin entwickelt sich diese Situation deiner Meinung nach?

Seit den neuesten Unruhen hat sich der Präsident noch nicht zu den Vorfällen geäußert, jedoch laufen die üblichen Einschüchterungsmaschen, oppositionelle werden willkürlich verhaftet und unter haltlosen Anschuldigungen festgehalten. Dabei wird auch nicht vor der Immunität von Abgeordneten des Parlamentes haltgemacht.

Jedoch haben sich zahlreiche Verbände zu Wort gemeldet und die Regierung für ihr Vorgehen scharf verurteilt.

Neuerdings wurden auch vereinzelte Meldungen über Unruhen auch im Norden des Landes verlautet.

Im Moment ist die Lage dort sehr angespannt und man wartet auf den Montag, zu welchem neue Proteste angekündigt worden sind. Es ist wohl im Moment alles möglich. Die Palette der Möglichkeiten fängt bei Abkühlung an und hört bei Bürgerkrieg auf. Es hängt im Moment viel von der Beharrlichkeit der Bevölkerung, dem Einlenken des Militärs und außenpolitischen Druck auf die Regierung ab.

Doch von außen ist derzeit wenig Hilfe zu erwarten. Der Fokus der Medien reicht von Spanien und Griechenland bis zur EM und füllt die Restzeit mit belanglosen Promikram …

Das Interesse der Togolesischen und Internationalen Presse lässt zu wünschen übrig … ?

Es hat drei Tage gedauert bis am letzten Mittwoch dann schließlich erste Presseberichte imitieret darüber aufspüren ließen. Diese waren allerdings stark untertrieben und mit frisierten Zahlen, die wohl vermutlich vom togolesischen Regierungssprecher stammten, ausgeschmückt, jedoch war es genau deshalb wenigstens ein leichtes, die paar Handvoll Berichte zu kommentieren und auf die Gruppe ” Save Togo” aufmerksam zu machen.

Freitags wurden die Zahlen von der Regierung etwas korrigiert, aber nur der eine Todesfall, über den ich im Netz aus erster Hand detailliert berichten konnte, bestätigt. Doch die Medien schweigen seitdem und gehen dem üblichen Tagesklatsch nach. Nicht eine Zeile im Radio und nicht ein einziges Wort im Fernsehen …

Was wünschen sich die Togolesen?

Die Menschen im Togo wollen einfach nur friedlich leben, in die Kirche gehen, ihren Kindern eine Ausbildung und medizinische Versorgung zukommen lassen können und vor allem diese Familie aus dem Amt … Selbst eine ausländische Besatzung wäre ihnen lieber als für diese eine Familie weiterzumachen.

Was können wir tun?

Was wir tun können, ist in erster Linie, auf die Geschehnisse aufmerksam zu machen und die Gruppe “Save Togo” selbst zu vergrößern oder weiter an interessierte – vor allem aber an Medien, wie Radio und Fernsehen weitervermitteln.

Bald ist Wahl , wäre denn die Oppositionspartei eine gute Wahl für Dich?

Ob die nächsten Wahlen etwas ändern, wage ich zu bezweifeln. Zumindest wird sich unter Gnassingbé nichts ändern und die Wahlen nur fingiert. Die Oppositionsparteien wären alle ausnahmslos eine bessere Wahl.

https://www.facebook.com/groups/savetogo/

Ich danke Paul und jedem der bis hier hin zugelesen hat und beim nächste sozialen Miteinander doch mal auch so ein Thema wie Togo anklingen lässt.

Erinnert euch an den blauen kleinen verletzlichen Punkt im Universum …

das sind WIR!!!


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